Mittelalte Künstlerinnen vs. Mittelalter Holländer-Käse

Eine satirische Betrachtung aus dem Herzen Mülheims

Würzig ist das Kunstwerk „Mittelalt“ von Andreas Ingramm

Mülheim an der Ruhr hat wieder zugeschlagen. Nach Jahrzehnten der kulturellen Selbstfindung, der Förderprogramme für alles von „experimenteller Straßenlaternenkunst“ bis „postironischem Taubentheater“, kommt nun die neueste Innovation: Ein Stipendium für mittelalte Künstlerinnen (hier der LINK:)

Endlich! Die Stadt erkennt jene Lebensphase an, in der man weder jung genug ist, um als „aufstrebend“ zu gelten, noch alt genug, um als „verdiente Kulturschaffende“ mit Blumensträußen beworfen zu werden.

Doch was bedeutet mittelalt eigentlich? Und warum klingt es so verdächtig nach Käsetheke?

🧀 Der Vergleich: Mittelalte Künstlerinnen vs. Mittelalter Holländer-Käse

KategorieMittelalte KünstlerinnenMittelalter Holländer-Käse
Reifegrad„Gerade auf dem Höhepunkt ihres kreativen Aromas“ – sagt das Kulturamt„Aromatisch, aber noch nicht krümelig“ – sagt der Käsehändler
Lagerung20–30 Jahre im Kulturbetrieb, gelegentlich in Kellergalerien3–6 Monate im Kühlraum, gelegentlich im Sonderangebot
FörderwürdigkeitJetzt endlich offiziellSchon immer, besonders im Dreierpack
Öffentliche Wahrnehmung„Warum nicht mal jemand Jüngeres?“„Warum nicht mal was Würzigeres?“
VerwendungBühnen, Ateliers, WorkshopsSandwiches, Gratins, Käseigel
PreisSchwankt je nach Projektantrag1,29 € pro 100 g, verlässlich

🎨 Die Idee hinter dem Stipendium

Das Mülheimer Zentrum für Mittelalter erklärt:

„Mittelalte Künstlerinnen sind wie ein guter Holländer-Käse: lange unterschätzt, aber unverzichtbar für ein ausgewogenes Kulturbrett.“

Man wolle jene Menschen – die weiblich sind oder dies später gewählt haben -fördern, die „zu alt für Nachwuchsprogramme, aber zu jung für Lebenswerkpreise“ seien. Also genau die Altersgruppe, die seit Jahren zwischen Vernissagen, Nebenjobs und schlecht bezahlten Kunst-am-Bau-Projekten pendelt – ähnlich wie ein Käse, der nie weiß, ob er nun in die Käsetheke oder in die Kühltruhe gehört.

🧀 Warum der Vergleich gar nicht so abwegig ist

  • Beide entwickeln Charakter mit der Zeit. Künstlerinnen durch Lebenserfahrung, Käse durch Milchsäurebakterien.
  • Beide werden oft falsch gelagert. Künstlerinnen in schlecht beheizten Ateliers, Käse in zu warmen Kühlschränken.
  • Beide sind unverzichtbar für gesellschaftliche Vielfalt. Ohne Künstlerinnen: kulturelle Ödnis. Ohne Käse: trockene Brötchen.
  • Beide werden gerne unterschätzt. „Ach, das kann doch jeder“ – sagen manche über Kunst. „Ach, das ist doch nur Holländer“ – sagen manche über Käse.

🧀 Fazit

Mülheim setzt ein Zeichen: Mittelalt ist das neue Avantgarde. Und vielleicht ist es an der Zeit, dass wir alle ein bisschen mehr Wertschätzung zeigen – sowohl für die Künstlerinnen, die unsere Welt bunter machen, als auch für den Holländer-Käse, der unsere Brote rettet.

In der Diskussion um Künstlerinnenpreise und ähnliche Förderungen werden oft zwei Formen struktureller Benachteiligung angeführt, die als vergleichbar diskriminierend empfunden werden können:

  • Gender Discount & Sichtbarkeit: Studien belegen, dass Kunst von Frauen auf dem Auktionsmarkt im Durchschnitt etwa 47 % weniger erzielt als Werke von Männern. Frauen sind in Museen und Galerien weiterhin unterrepräsentiert, was oft als systematischer Ausschluss kritisiert wird.
  • Altersdiskriminierung (Ageismus): In der Arbeitswelt und im Kunstbetrieb gibt es oft eine Lücke in der Förderung. Während „Young Talents“ stark gefördert werden, fallen Frauen ab Mitte 40 häufig aus dem Fokus („Unsichtbarkeit“), da sie weder als Nachwuchs noch als etablierte „Altmeister“ gelten. 

Vergleichbare Förderungen & Debatten:

  • Positive Diskriminierung: Preise wie der Gabriele Münter Preis (für Künstlerinnen ab 40) versuchen gezielt, diese Lücke zu schließen, werden aber manchmal kritisiert, weil sie andere Gruppen (Männer oder jüngere Frauen) ausschließen.
  • Kritik an Quoten: Institutionen wie die Royal Academy diskutieren regelmäßig über Quoten, um unbewusste Bevorzugung (homosoziale Kooptation) zu durchbrechen.
  • Allgemeine Altersdiskriminierung: Laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes werden Menschen in Deutschland oft früh als „zu alt“ für Innovationen wahrgenommen, was Frauen aufgrund von Erwerbsbiografien (z. B. Kindererziehung) doppelt treffen kann. 

Während solche Preise von Befürwortern als notwendige Gegenmaßnahme zu bestehender Diskriminierung gesehen werden, empfinden Kritiker die Beschränkung auf Geschlecht oder Alter selbst als diskriminierend gegenüber Personen außerhalb dieser Kriterien. 

Was sagen Männer dazu?

Der Ausdruck „alte weiße Männer“ entstand in den frühen 1990er‑Jahren in den USA und wurde später im deutschsprachigen Raum populär. Er bezeichnete ursprünglich privilegierte, meist ältere Männer, die gesellschaftliche Veränderungen ablehnten oder ihre eigenen Privilegien nicht reflektierten.

🧩 Herkunft des Begriffs

  • Laut Wikipedia setzte der Bedeutungswandel Anfang der 1990er‑Jahre in den USA ein, als Frauen, Schwarze und jüngere Menschen stärkere Mitbestimmung einforderten.
  • Der Begriff wurde abwertend genutzt, um jene zu kritisieren, die an traditionellen Machtstrukturen festhielten und soziale Ungleichheiten nicht anerkannten.
  • In Deutschland verbreitete sich der Ausdruck vor allem seit den 2010er‑Jahren als politisches Schlagwort.

🧠 Bedeutung im heutigen Diskurs

  • Der Begriff dient als kritisches Label, das Machtstrukturen, Privilegien und patriarchale Dominanz sichtbar machen soll.
  • Er meint nicht alle älteren weißen Männer, sondern eine bestimmte Haltung: Widerstand gegen gesellschaftlichen Wandel, Ignoranz gegenüber Diskriminierung oder Festhalten an überholten Normen.

🎯 Warum der Begriff so wirkmächtig wurde

  • Er fasst komplexe gesellschaftliche Konflikte in ein prägnantes Bild.
  • Er wird sowohl kritisch (z. B. in feministischen oder antirassistischen Debatten) als auch polemisch (z. B. als Vorwurf der „Diskriminierung“) verwendet.
  • Dadurch ist er zu einem Symbol für Kultur- und Generationenkonflikte geworden.

📌 Wie „mittleres Alter“ üblicherweise definiert wird

In der Soziologie und Psychologie wird das mittlere Erwachsenenalter meist so eingeordnet:

LebensphaseAltersspanne (typisch)
Frühes Erwachsenenalterca. 20–39
Mittleres Erwachsenenalterca. 40–59
Spätes Erwachsenenalterab ca. 60

Diese Einteilung ist natürlich kulturell geprägt und nicht absolut.

🎯 Was „mittleres Alter“ heute bedeutet

Viele Forscher betonen, dass „mittleres Alter“ weniger mit einer Zahl zu tun hat als mit:

  • beruflicher Stabilität
  • familiären Rollen
  • körperlichen Veränderungen
  • Lebenszufriedenheit und Neuorientierung

Eine 50‑jährige Frau heute lebt oft ein ganz anderes Leben als eine 50‑jährige Frau vor 50 Jahren.

Veröffentlicht von

artnews

KuMuMü = Kulturmuseum Mülheim GadR = Galerie an der Ruhr ALIV = Alexander Ivo MMKM = Museum Moderne Kunst Mülheim KKRR = Kunstverein und Kunstförderverein Rhein-Ruhr MKB = Mülheimer Künstler*innenbund

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