„DIE PAULIKIRCHE KEHRT ZURÜCK“Die Manifesta 16 widmet sich explizit den verlassenen, verwaisten oder umgenutzten Kirchenräumen des Ruhrgebiets …

Digitale Rekonstruktion der 1971 endgültig entfernten Pauli-Kirche an der Delle - zugunsten einer grauen Asphalt-Parkplatzfläche | Foto: AIRL - Lab, Mülheim
Digitale Rekonstruktion der 1971 endgültig entfernten Pauli-Kirche an der Delle – zugunsten einer grauen Asphalt-ParkplatzflächeFoto: AIRL – Lab, Mülheimhochgeladen von Alexander Ivo Franz

Zeitzeugen berichten vom harten Polizeieinsatz 1971 in der Stadt Mülheim – mit Schlagstöcken wurden die Besetzer der Paulikirche vertrieben.  Beim Abriss gelang es  dem Baggerführer nur mit Mühe den Turm abzureißen – die stolze Kirche wehrte sich verhemennt – erst nach Tagen fiel der Turm. Dem Bombenangriff 1943 hatte sie schon gut standgehalten und konnte auch mit halbem Turm weiter bestehen bis man 1969 auf die Idee kam sie zu entfernen. 3 Jahre Protest der überwiegend jungen Mülheimer*innen war umsonst. In den 80er Jahren hätte der Denkmalschutz einen solchen Abriss verhindern können – aber nach wie vor werden Kirchen in Deutschland abgerissen.

Die Bedeutung des Projekts „DIE PAULIKIRCHE KEHRT ZURÜCK“ als unabhängiger Beitrag zum Kernthema der Manifesta 16 lässt sich präzise fassen, wenn man es in den größeren Rahmen der Biennale stellt: Die Manifesta 16 widmet sich explizit den verlassenen, verwaisten oder umgenutzten Kirchenräumen des Ruhrgebiets und untersucht, wie diese Orte – einst identitätsstiftend – heute neu gelesen, aktiviert oder transformiert werden können. Genau hier wird das Projekt zur Pauli-Kirche paradigmatisch.

Blick auf die alte Kernstadt Mülheim an der Ruhr mit der Pauli-Kirche (rechts) | Foto: Archiv KKRR
Blick auf die alte Kernstadt Mülheim an der Ruhr mit der Pauli-Kirche (rechts) Foto: Archiv KKRR hochgeladen von Alexander Ivo Franz

Ein verlorener Kirchenraum als exemplarisches Narrativ

Die Manifesta 16 konzentriert sich auf leerstehende oder funktionslos gewordene Nachkriegskirchen, die in vielen Städten des Ruhrgebiets ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben. Die Biennale versteht diese Räume als soziale, kulturelle und städtebauliche Ressourcen, die neu interpretiert werden müssen.

Die Pauli-Kirche – ein vollständig verschwundener Sakralbau – radikalisiert dieses Thema:
Sie ist nicht nur verlassen, sondern ausgelöscht. Damit wird sie zum extremsten Beispiel des Leitmotivs „verlorener Kirchenraum“.

Warum „Die Pauli-Kirche kehrt zurück“ ein Schlüsselprojekt ist

Ganz links der "halbe" Turm der Pauli-Kirche. Nach dem Krieg fehlt das Geld für den Wiederaufbau. | Foto: Archiv KKRR
Ganz links der „halbe“ Turm der Pauli-Kirche. Nach dem Krieg fehlt das Geld für den Wiederaufbau. Foto: Archiv KKRR hochgeladen von Alexander Ivo Franz

1. Sie verkörpert den Übergang von materieller zu immaterieller Erinnerung
Während andere Kirchen der Manifesta 16 noch als Gebäude existieren, existiert die Pauli-Kirche nur noch in Erinnerungen, Archiven und Stadtgeschichte.
Damit öffnet sie ein neues Feld: Wie geht eine Stadt mit einem Raum um, der physisch verschwunden, aber kulturell weiterhin wirksam ist?

2. Sie erweitert das Biennale-Thema um eine zeitliche Dimension
Die Manifesta 16 untersucht die Nachkriegskirchen als Erbe des Wiederaufbaus.
Die Pauli-Kirche zeigt, was passiert, wenn dieses Erbe nicht bewahrt, sondern ausradiert wurde.
Sie macht sichtbar, wie Verlust, Abriss und Vergessen Teil der Stadtentwicklung sind – und wie Kunst diese Lücken neu aktiviert.

3. Sie schafft ein Labor für kollektive Erinnerung
Die Biennale betont die Rolle der Kirchen als frühere soziale Zentren und Identifikationsorte.
Die Pauli-Kirche ermöglicht ein Projekt, das nicht nur räumlich, sondern gemeinschaftlich arbeitet:

Zeitzeug*innen

ehemalige Gemeindemitglieder

Stadtgesellschaft

Künstlerische Interventionen

Digitale Rekonstruktionen

So entsteht ein partizipatives Erinnerungsprojekt, das exemplarisch zeigt, wie verlorene Räume wieder Teil der Gegenwart werden können.

Bedeutung im Kontext der Manifesta 16

Hochwasser an der Delle in Mülheim - mit der imposanten Pauli-Kirche - einem Kleinod der Kirchenbaukunst | Foto: Archiv KKRR
Hochwasser an der Delle in Mülheim – mit der imposanten Pauli-Kirche – einem Kleinod der Kirchenbaukunst Foto: Archiv KKRR hochgeladen von Alexander Ivo Franz

1. Radikale Zuspitzung des Biennale-Motivs
Die Biennale verwandelt 16 leerstehende Kirchen in neue Gemeinschaftsräume.
Die Pauli-Kirche zeigt:
Was, wenn der Raum gar nicht mehr da ist?
Damit wird das Projekt zum konzeptionellen Brennpunkt der gesamten Manifesta.

2. Ein Modell für zukünftige Stadtentwicklung
Das Erzbistum Paderborn betont, dass die Manifesta neue Impulse für den Umgang mit Kirchengebäuden geben soll.
Die Pauli-Kirche zeigt, wie man mit komplett verlorenen Räumen umgehen kann – ein Thema, das in vielen Städten Europas relevant wird.

3. Ein Beitrag zur Identität des Ruhrgebiets
Das Ruhrgebiet ist geprägt von Wandel, Abriss, Transformation.
Die Pauli-Kirche wird zum Symbol dieses Wandels – und gleichzeitig zum Ankerpunkt einer neuen, kollektiven Erinnerungskultur.

Warum dieses Projekt zentral ist

DIE PAULIKIRCHE KEHRT ZURÜCK“ ist nicht nur ein Beitrag zur Manifesta 16 – es ist ihr theoretischer Kern.
Es zeigt, dass verlorene Räume nicht das Ende bedeuten, sondern den Beginn einer neuen Auseinandersetzung mit Stadt, Erinnerung und Gemeinschaft.

3 Mülheimer Kirchen (hier ein Foto nach dem Bombenangriff auf die Ruhrtalstadt im Juni 1943) | Foto: Archiv KKRR
3 Mülheimer Kirchen (hier ein Foto nach dem Bombenangriff auf die Ruhrtalstadt im Juni 1943) Foto: Archiv KKRR hochgeladen von Alexander Ivo Franz

Der „verlorene Kirchenraum“ wird hier nicht nur untersucht, sondern rekonstruiert, befragt und neu erfunden.

MITWIRKENDE UND ZEITZEUGEN GESUCHT !

Der Mülheimer Kunstverein KKRR sucht Zeitzeugen und Interessierte, die sich für das Projekt begeistern.  Melden und registrieren unter https://kontaktformular.jimdosite.com/

Manifesta & Mülheim

„Mülheim während der Manifesta“ beschreibt die besondere Situation, dass die Stadt sowohl mit einem offiziell ausgezeichneten Projekt in der Pauluskirche Eppinghofen vertreten ist als auch mit unabhängigen, lokal initiierten Kulturprojekten -wie „DIE PAULIKIRCHE KEHRT ZURÜCK“ – eigene Akzente setzt. Mülheim zeigt damit eine doppelte kulturelle Präsenz: institutionell eingebunden und zugleich selbstbestimmt.“

Über den Kunstverein KKRR & das AIRL-Lab 

Veröffentlicht von

artnews

KuMuMü = Kulturmuseum Mülheim GadR = Galerie an der Ruhr ALIV = Alexander Ivo MMKM = Museum Moderne Kunst Mülheim KKRR = Kunstverein und Kunstförderverein Rhein-Ruhr MKB = Mülheimer Künstler*innenbund

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