
Die Mülheimer Künstlerin Edith Polland-Dülfer (1931-2028) bereiste die ganze Welt und porträtierte dabei unzählige bekannte Persönlichkeiten. Der Mülheimer Kunstverein KKRR zeigt derzeit ausgefallene Werke der Künstlerin in der aktuellen Ausstellung „Friedensbotschaften“ in der Ruhr Gallery in der Villa Artis.
Ein Porträt des Gewissens – Edith Polland-Dülfers Darstellung von Lew Kopelev (1985)
Im Jahr 1985 schuf die Mülheimer Künstlerin Edith Polland-Dülfer ein Porträt, das mehr ist als nur ein Abbild – es ist ein Zeugnis von Mut, Integrität und geistigem Widerstand. Es zeigt den sowjetischen Dissidenten, Schriftsteller und Humanisten Lew Kopelev, der die Grausamkeiten des Stalinismus nicht nur überlebte, sondern sie auch in bewegenden Schriften dokumentierte. Das Werk wurde von Kopelev selbst signiert – ein Zeichen der Anerkennung durch den Porträtierten für eine Darstellung, die seinem Leben und seinen inneren Kämpfen gerecht wurde.

Eine Biografie im Schatten des Terrors
Geboren 1912 in Kiew (heute Ukraine) in eine jüdische Familie, war Kopelev ein überzeugter Kommunist, der sich in den 1930er-Jahren aktiv an der bolschewistischen Propaganda beteiligte. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Offizier der Roten Armee, doch sein ausgeprägter Humanismus führte zu einem Bruch mit dem Regime: Er protestierte gegen Übergriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung – ein Akt des Mitgefühls, der ihm als „bürgerlicher Humanismus“ ausgelegt wurde und zu seiner Verhaftung führte.
Kopelev wurde zu zehn Jahren Gulag verurteilt. In der Gefangenschaft erlebte er das gesamte Spektrum sowjetischer Repression: den Hunger, die Entmenschlichung, das Denunziantentum, aber auch menschliche Wärme unter Gefangenen – wie zum Beispiel an seinem Geburtstag, als Mitgefangene ihm als Geste der Solidarität Zucker schenkten. Nach mehreren Neuverurteilungen und Jahren in Arbeitslagern wurde er nach Stalins Tod freigelassen. Fortan wurde er zu einer Stimme des Gewissens, zu einem Chronisten des Totalitarismus und einem Kämpfer für Menschenrechte.
Ein künstlerisches Zeugnis der Würde
In Edith Polland-Dülfers Porträt von 1985 begegnet uns ein Mann, dessen Gesicht vom Leben gezeichnet ist – nicht gebrochen, sondern gefestigt. Die Künstlerin, bekannt für ihre sensible Darstellung politischer Persönlichkeiten, wählte eine realistische, fast zurückhaltende Farbgebung. Der Blick Kopelevs ist ruhig, fast nachdenklich – als würde er zugleich in die Vergangenheit und in eine ungewisse Zukunft blicken. Seine Haltung strahlt Würde aus, aber auch ein stilles Leid.
Dass Kopelev dieses Porträt signierte, verleiht dem Werk eine zusätzliche Dimension: Es ist nicht nur eine Darstellung, sondern auch ein dokumentarisches Zeugnis der Begegnung zweier Persönlichkeiten – der Künstlerin, die mit dem Pinsel und Feder Wahrheit suchte, und des Mannes, der für diese Wahrheit gelitten hat.
Ein Porträt gegen das Vergessen
Das Bild ist heute mehr als ein Kunstwerk – es ist Mahnung und Erinnerung. In einer Zeit, in der politische Verfolgung und autoritäre Tendenzen wieder zunehmen, ruft uns dieses Porträt die Stimme eines Mannes in Erinnerung, der sagte:
„Ich kam zu der Erkenntnis, dass mein Schicksal gerecht war, weil ich bestraft werden musste – für die vielen Jahre, in denen ich eifrig mitgeholfen hatte, die Bauern auszurauben, Stalin zu verehren, zu lügen und mich selbst im Namen der historischen Notwendigkeit zu täuschen.“
Kopelev starb 1997 im deutschen Exil in Köln. Doch seine Geschichte – und ihre Darstellung im Porträt von Edith Polland-Dülfer – lebt weiter. Sie fordert uns damit auf, hinzusehen, zu erinnern und zu handeln.

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Hinweis: Das Porträt ist nicht nur ein künstlerisches Werk, sondern ein Symbol für die Kraft des Gewissens. Es erinnert an die Namen unzähliger Leidensgenossen Kopelevs – von Eugenia Ginzburg bis Lev Razgon – deren Geschichten durch ihn und andere weitergetragen wurden. Es ruft uns auf, den leisen Stimmen der Geschichte Gehör zu schenken.



